Grüßt euch, liebe Leute. Eigentlich hat das hier nicht nur anders angefangen, sondern sollte auch vor gut einem Monat erscheinen. Aber eigentlich ist, wie wir alle wissen, der kleine Bruder von Scheiße, also will ich da gar nicht von anfangen. Stattdessen entsorge ich sämtlichen Text, den ich bisher dazu geschrieben hatte, und fange noch einmal von vorne an.
Die ganze verdammte Welt (allein in Deutschland sieben Verlage) reißt sich um Nelio Biedermanns "Lázár". Und ich verstehe nicht so richtig, warum. Deswegen (und weil mir dazu der Bildungsgrad und die literarischen Fähigkeiten, auf aktiver wie passiver Seite, fehlen) ist das hier keine Literaturkritik dieses Werkes, sondern schlicht und einfach meine ganz persönliche Ansicht. Und die beginnt mit den Worten:
Himmel hilf, was hab ich da nur gelesen?
Lázár von Nelio Biedermann ist, will man den Kritiken auf der Rückseite des Buches wie auch einigen Zeitungsartikeln dazu glauben, die Zukunft der deutschsprachigen Literatur. Wie gut, dass sowas Geschmackssache ist, denn ich muss unglücklicherweise verkünden, dass ich anderer Meinung bin. Aber vielleicht bin ich auch einfach mit der falschen Erwartungshaltung an die ganze Sache rangegangen. Denn nach allem, was ich vorm Kauf dieses Werkes darüber gelesen habe, hatte ich eine kurzweiligere, modernisierte Form der Buddenbrooks erwartet. Eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte hinzieht und den langsamen, aber mit jeder weiteren Generation stetig voranschreitenden Fall der Familie aus der Oberklasse dokumentiert.
Und versteht mich nicht falsch, das habe ich auch bekommen. Aber gratis oben drauf habe ich noch wesentlich mehr bekommen. Größtenteils aber Dinge, ich ich nicht gebraucht hätte.
Wenn das die Zukunft der Literatur ist, will ich lieber in der Vergangenheit bleiben
Was mich an dem Buch mit Abstand am meisten stört, ist die Tatsache, dass es mehr als nur Spuren von Großartigkeit zeigt. Es ist also nicht so, als wären die ganzen guten Kritiken, die es dazu gibt, völlig an den Haaren herbeigezogen. Das Problem ist nur, dass diese recht regelmäßigen Spuren von Großartigkeit ziemlich schnell und immer wieder durch andere Dinge untergraben werden.
Und damit meine ich nicht, dass der Wald um das Anwesen der Familie Lázár immer und immer wieder, gerade auf den ersten Seiten, als etwas Mysteriöses, beinahe Übernatürliches dargestellt wird, nur damit dieser Plotpunkt dann am Ende absolut nirgendwohin führt. Das passiert den Besten und ist nicht weiter schlimm, weil ein solches Mysterium meiner Meinung nach sowieso nicht wirklich zum Rest des Buches gepasst hätte. Mein Problem mit dem Buch liegt an deren Stellen, und das ist:
Das seltsame Verhältnis dieses Schriftstücks zur Sexualität Minderjährigen
Ich werde euch jetzt etwas gestehen, das kaum ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte im Internet herausposaunen würde: Eines meiner Lieblingsbücher, und das schon seit Jahren, ist ES von Stephen King.
Wer das Buch nicht kennt, der mag jetzt vielleicht fragen "Und wieso sollte man das nicht im Internet von sich geben?"
Wem dieses Machwerk allerdings ein Begriff ist, der weiß, worum es geht. Eines der wahrscheinlich besten Werke, die King in seinem Leben geschrieben hat, das auf mehr als 1500 Seiten eine Geschichte von Freundschaft, dem Kampf gegen unsere Ängste und der Gefahr des Wegsehens erzählt, wird leider extrem dadurch runtergezogen, dass auf einigen der 1540 Seiten (deutsche Taschenbuchausgabe) eine Sexszene zwischen den sieben minderjährigen Protagonisten des Buches zu finden ist.
Und das will ich nicht schönreden. Ja, King hat zu der Zeit, als er dieses Buch geschrieben hat, ein massives Drogenproblem gehabt, aber das entschuldigt die Existenz dieser Seiten dennoch nicht.
Nichtsdestoweniger ist ES für mich abseits dieser 9 Seiten (ebenfalls deutsche Taschenbuchausgabe), die immerhin ganze ~0,6% des gesamten Buches ausmachen, eines der besten fiktionalen Werke, die zu lesen ich je das Vergnügen hatte. Aber dennoch werden ebendiese 9 Seiten immer und immer wieder als Argument gegen das Buch wie auch gegen King selber genutzt. Und erneut: Ich will das hier nicht relativieren. Aber kommen wir zum dem Punkt, an dem ich erkläre, was das mit dem Werk, um das es sich hier eigentlich drehen soll, zu tun hat.
Lázár enthält nicht weniger als sieben für mich fragwürdige Szenen, die minderjährige involvieren. Ja, das sind weniger Szenen, als die eine Szene in ES Seiten hat und ich gestehe es Nelio Biedermann außerdem zu, dass er sich wesentlich vager hält, als King es tut. Aber nichtsdestotrotz hätte ich besser damit leben können, nicht zu lesen, wie eine Dreizehnjährige sich mit einem Kissen befriedigt, weil sie hört, wie im Zimmer unter sich jemand vom Hauspersonal Sex hat. Genauso wenig hätte ich es gebraucht, zu lesen, wie dieselbe Teenagerin darüber fantasiert, sich von ihrem Lehrer in einem Rosenbeet entjungfern zu lassen oder sich, einige Zeit später, mit einer Kerze befriedigt.
Sowieso schein der Autor dieses Werkes allerdings ein Ding für Kerzen zu haben, denn etwas später wird noch angedeutet, dass ein anderer Charakter von seinen Mitschülern unter Zuhilfenahme einer Kerze vergewaltigt wird, aber das ist eine andere Sache.
Was mich so an der ganzen Geschichte stört ist die Tatsache, dass kaum etwas davon wirklich notwendig ist. So weh mir das tut, diese Szene in einem gewissen Maße zu verteidigen, aber die Sexszene in ES ist wenigstens Teil der Handlung. Gut, beide Verflimungen des Buches haben bewiesen, dass man die Handlung auch ohne diese Szene zum Ende führen kann, das will ich nicht abstreiten, notwendig ist sie also ebenfalls nicht. Aber die angemerkten Szenen in Lázár sind, sofern man das so ausdrücken will, noch weniger nötig.
Keine dieser Szenen ist notwendig für Handlung oder Charakterentwicklung. Diese Szenen, ebenso wie die Anmerkung, dass einer der Patriarchen der Familie Lázár gerne die Füße seiner bürgerlichen Mätresse leckt, tragen nichts zur Handlung bei. Sie könnten genauso gut nicht existieren und die Handlung wie auch die Charaktere wären exakt dieselben. Und wenn sowas nichts zur Handlung beiträgt, aber dennoch vorkommt, dann habe ich nur eine Erklärung dafür, und die ist, dass der Autor diese Szenen mit der linken Hand geschrieben hat.
Und warum lasse ich mich darüber jetzt hier aus?
Ganz einfach: Weil ich damit gedroht habe, dass das hier jetzt ein Buchblog ist. Was auch immer mich geritten hat, als ich das beschlossen habe. Unabhängig davon allerdings funktioniert ein Buchblog dann am besten, wenn derjenige, der ihn schreibt, von den Büchern berichtet, die er gelesen hat. Und genau das tue ich jetzt ja. Hat ja niemand gesagt, dass diese Berichte durchweg positiv sein oder sich auf Bücher beziehen müssen, die mir gefallen haben.
Wobei es falsch wäre, zu sagen, mir hätte Lázár nicht gefallen. Hätte ich das Buch rundherum schrecklich gefunden, hätte ich wahrscheinlich nicht mal die Energie aufgebracht, mich über diese Dinge zu beschweren, sondern es einfach nach dem Lesen ins Regal (oder den nächsten Bücherschrank) gestellt und das Werk für mich abgehakt. Und an dem Punkt liegt mein größtes, eingangs schon mal angedeutetes Problem mit dem Buch.
Es zeigt Spuren davon, wirklich gut zu sein. Es gibt Kapitel, bei denen ich es nicht aus der Hand legen konnte, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht, und das ist allgemein bei einem Buch dieser Art, das zwar eine Geschichte erzählt, aber keine aus klassischer Sicht spannende, wie es beispielsweise bei einem Kriminalroman der Fall wäre, ein ziemlich guter Indikator für die Qualität des betreffenden Schriftstücks. Nur leider zeigt es eben auch Spuren von anderen Dingen, die weder der Geschichte, noch meinem Vergnügen beim Lesen dieser Geschichte, zuträglich waren. Aber hey, vielleicht wird das ja noch. Geben wir dem Autoren eventuell mal ein bisschen Zeit, noch etwas älter zu werden, vielleicht ist es ihm in Zukunft ja möglich, mit beiden Händen an der Tastatur zu schreiben und sich derlei Szenen zu sparen.
Das Fazit
Ich habe irgendwann mal in der Schule gelernt, dass diverse Arten von (Sach)Texten nur dann komplett sind, wenn sie ein Fazit haben, daher hier also ebendieses.
Fangen wir mal mit der grundlegenden Frage an: Ist Lázár ein guter Roman?
Die Antwort darauf ist für mich nicht leicht zu geben. Alles in allem ist die Handlung ziemlich zufriedenstellend und die Art, wie die Geschichte der Familie über mehrere Generationen hinweg und durch diverse historische Ereignisse in Europa hindurch erzählt wird, hat mir ziemlich gut gefallen. Und was den Rest angeht, habe ich denke ich ein paar Zeilen weiter oben schon genug geschrieben und spare es mir entsprechend, das hier noch einmal aufzuwärmen.
Wir der Roman aber den Kritiken gerecht?
Jein. Auf der einen Seite handelt es sich alles in allem um ein gutes Werk, vor allem, wenn man das Alter des Verfassers bedenkt. Auf der anderen Seite sind wie bereits erwähnt immer wieder Dinge darin zu finden, die weder für die Handlung, noch die Charakterentwicklung notwendig gewesen wären und die man sich dementsprechend auch einfach hätte sparen können. Aber wie ebenfalls bereits erwähnt, das kann sich ja durchaus in zukünftigen Werken des Autoren ändern.
Solltet ihr jetzt also Lázár lesen?
Wenn ihr wollt, ja. Wenn nicht, nein. Weder handelt es sich bei diesem Roman um ein ausnehmend schlechtes Buch, noch um eines, das ich für so gut halte, dass jeder es in seinem Leben mindestens einmal gelesen haben sollte. Es handelt sich um sehr guten Durchschnitt, der durch die mehrfach erwähnten Probleme runtergezogen wird. Kann man sich darauf einlassen und damit leben, dass man diese Dinge zu lesen bekommt oder sie vielleicht einfach ausblenden, bekommt man ein solides Buch mit größtenteils gut zusammenhängender Handlung und nicht allzu vielen Plotholes. Langweilen wird man sich auf jeden Fall nicht. Aber ist es die Zukunft der deutschsprachigen Literatur? Ich hoffe nicht, aber wer weiß das schon?
Und Schluss
Herrgott noch eins, das hier zu schreiben hat ungefähr fünfmal so lange gedauert, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Angefangen hatte ich damit Ende April, nur um den Text dann in einem halbgaren Zustand liegenzulassen, weil immer wieder irgendwas dazwischengekommen ist oder ich sowieso schon zu wenig Freizeit hatte, weil Arbeit und Haushalt den Großteil meines Tages gefressen haben. Aber jetzt hab ich's endlich geschafft, diesen seit Wochen in meinen Entwürfen rumliegenden Text zu beenden, und daher ist es für mich jetzt endlich Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Je nachdem, wie viel Zeit ich in den nächsten Tagen und Wochen habe vielleicht sogar zu Ufern, die mir bereits bekannt sind und die ich so lieb gewonnen habe, dass ich bereits schon einmal hier darüber schrieb.
Aber dazu mehr beim nächsten Mal. Ich wünsche euch jetzt erstmal noch einen schönen Tag und bedanke mich für die Aufmerksamkeit, die ihr diesem Unfug schenkt, den ich hier verzapfe.
Aber dazu mehr beim nächsten Mal. Ich wünsche euch jetzt erstmal noch einen schönen Tag und bedanke mich für die Aufmerksamkeit, die ihr diesem Unfug schenkt, den ich hier verzapfe.
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